Erziehungsstellenleitung: Ein sicherer Job und eine fordernde Aufgabe

Das Albert-Schweitzer-Kinderdorf Uslar bietet Jugendhilfekindern ein festes, wegweisendes Zuhause mit familienähnlichen Strukturen. Dies geschieht hauptsächlich durch die Konzepte „Kinderdorffamilie“ und „Erziehungsstelle“.

Kinderdorffamilien und Erziehungsstellen:

In einer Kinderdorffamilie lebt mindestens ein pädagogisch ausgebildetes Elternteil als Hausleitung mit bis zu sechs Jugendhilfekindern in einem Haushalt zusammen – Tag und Nacht. Dafür bekommt die Kinderdorffamilie Unterstützung durch pädagogisches und hauswirtschaftliches Personal, das ebenso wie die Leitung der Kinderdorffamilie in Festanstellung beim Albert-Schweitzer-Kinderdorf steht.

Fest angestellt sind auch die Leitungen einer Erziehungsstelle. Auch in dieser werden Jugendhilfekinder in die eigene Umgebung mit aufgenommen und betreut. Bis zu zwei Kinder können in einer Erziehungsstelle leben. Die Erziehungsstellenleitung erhält durch eine fest einzustellende pädagogische Fachkraft in kleinerem Stundenumfang Unterstützung im pädagogischen Bereich, sowie Unterstützung im hauswirtschaftlichen Bereich durch eine geringfügig beschäftigte Hauswirtschaftskraft. Diese Zeit kann beispielsweise für private Unternehmungen genutzt werden.

In beiden Konzepten tragen die jeweiligen Partner der Leitungen ehrenamtlich und mit eigenen Unterstützungsmöglichkeiten durch das Kinderdorf zur Aufgabe bei.   

Dass sich genügend Mitarbeiter finden, die diese verantwortungsvolle und einnehmende Aufgabe mit Leben und Herzblut füllen, ist der wichtigste Faktor im System Kinderdorf. Die pädagogische Leitung ist kein Job wie viele andere mit festen Arbeitszeiten und garantierter Freizeit. Dafür bietet diese Aufgabe jedoch Möglichkeiten, die man bei anderen Jobs vergebens sucht. Dann nämlich, wenn die Familie zum Beruf wird, wird Leidenschaft zur Berufung und Karriere und Kinder unter einen Hut gebracht.

Wie werde ich Leitung einer Erziehungsstelle oder Kinderdorffamilie? - Ein Erfahrungsbericht

Neben der pädagogischen Grundausbildung ist für Erziehungsstellenleiterin Alena Wollenweber – 37 Jahre alt – zum Beispiel eine gewisse Vorerfahrung im >>System Kinderdorf<< von hoher Bedeutung. “Ich arbeitete schon seit fünfzehn Jahren als Erzieherin in Kinderdorffamilien und habe mir ein umfassendes Bild vom Alltag mit Jugendhilfekindern machen können. Gleichzeitig konnte ich von den Hausleitungen viel über die Aufgabe lernen und meine eigenen Fähigkeiten in einem geeigneten Rahmen entwickeln“ berichtet die gelernte Erzieherin. Sie ist heute selbst Erziehungsstellenleiterin und für zwei Jugendhilfekinder verantwortlich. Linda* und Naomi* sind fünf und sieben Jahre alt und kamen in sehr jungem Alter zu den Wollenwebers. Damals ging die Kinderdorfmutter bei der Alena Wollenweber fest angestellt war in Rente und eine berufliche Umorientierung wurde nötig. Im Albert-Schweitzer-Kinderdorf wurden alle Hebel in Bewegung gesetzt, um der versierten Fachkraft eine neue Stelle bieten zu können, doch dann sprach sie selbst über den Gedanken, zwei Jugendhilfekinder aufzunehmen. Diese Entscheidung war ein langer Prozess. Sie und ihr Lebensgefährte Heiko kauten das Thema wieder und wieder durch, bezogen auch die eigenen Eltern und enge Freunde aus dem Umfeld in ihre Gedanken mit ein.

Im Kinderdorf freute man sich sehr über die Perspektive, mithilfe der Familie Wollenweber/Stichert weiteren Kindern mit Hilfebedarf ein liebevoll strukturiertes und haltgebendes Zuhause mit fachspezifischer Führung geben zu können. „Für uns war klar, dass wir in unserem Heimatdorf bleiben wollten. Wir sind der Ansicht, dass man Kindern nur alles nötige mit auf den Weg geben kann, wenn man selber geerdet und zufrieden mit seinem Leben ist“ sagt die Erziehungsstellenleiterin deutlich und offen und ihr Lebensgefährte Heiko fügt an: „Das hat wunderbar funktioniert. Vonseiten des Kinderdorfs gab es jegliche Unterstützung dabei, unsere Vorstellungen wahr zu machen und uns die besten Voraussetzungen zu bieten, um eine stabile und wohl funktionierende Erziehungsstelle zu werden.“

Es gibt Kinderdorffamilien, die zentral auf dem weitläufigen Gelände der Einrichtung in Uslar leben und es gibt Kinderdorffamilien und Erziehungsstellen, die an anderer Stelle außerhalb ihren idealen Wirkungsort gefunden haben.

Nicht immer Zuckerschlecken

Natürlich sei der Anfang besonders hart gewesen, erinnern sich Wollenwebers zurück. Sie haben keine eigenen Kinder, sondern entschieden sich bewusst dafür, Kinder in Not bei sich aufzunehmen. Doch letztlich wird man von jetzt auf gleich „Mama“ und „Papa“ – mit allen Konsequenzen. Alena Wollenweber und Heiko Stichert hatten sich für diesen Weg entschieden, waren beide mit dem Konzept vertraut und Alena Wollenweber eine geschätzte pädagogische Fachkraft. Trotzdem, und das betont die 37-jährige, ist diese Aufgabe kein Zuckerschlecken.

Als Linda und Naomi nach gut einem Jahr zum ersten Mal von sich aus Mama und Papa - anstatt Alena und Heiko -  sagten, war das ihr besonderer Moment. Wenngleich sie die leiblichen Eltern auch nie ersetzen wollten, zeigte dieser Augenblick, wie richtig ihre Entscheidung zu dieser Berufung war.

Heute ist alles gut eingespielt und monatliche Supervisionen zusammen mit anderen Erziehungsstellenleitungen, regelmäßige Team- und Leitungsbesprechungen sowie der ständige Kontakt zum verantwortlichen Erziehungsleiter, der im Hintergrund stets für alle Probleme und Fragen kompetent und unkompliziert zur Verfügung steht, sowie die regelmäßigen und zahlreichen Weiterbildungsmöglichkeiten geben dem Erziehungsstellenpaar Sicherheit.

Dennoch merkt man auch Linda und Naomi an, dass diese beiden Mädchen schon früh durch schlechte Erfahrungen geprägt wurden und nicht immer herrscht in der kleinen familiären Einheit nur Sonnenschein. Seine eigene Einstellung nach außen tragen und in einer Vorbildfunktion mit seinem Wirken umgehen, das sehen beide als wichtigen Punkt für die auf einer Erziehungsstelle beruhende Familie an. Alena Wollenweber findet außerdem: „Was ich für ein Glück habe! Wie viele Mütter müssen in einem ewigen Spagat Job und Familie unter einen Hut bringen? Meine berufliche Herausforderung ist meine Familie.“ Sicher müssen sie und ihr Lebensgefährte private Zeit gut planen und mit dem Stundenkontingent ihrer pädagogischen Unterstützung wirtschaften. Doch macht Alena Wollenweber auch darauf aufmerksam, dass man sich in einer Kinderdorffamilie mit sechs Jugendhilfekindern und der vollen pädagogischen sowie hauswirtschaftlichen Unterstützung sehr weit öffnet und einen Großteil seines Lebens nicht nur mit den Jugendhilfekindern, sondern auch mit seinen Angestellten teilt. Man sollte daher genau wissen, wo die eigenen Grenzen liegen und was man sich eher vorstellen kann und möchte.

Bereit dazu, Jugendhilfekindern ein Zuhause zu geben?

Für wen kommt diese Überlegung überhaupt infrage? „Für jeden, der mit dem Herzen voll dabei ist“ sagt das Paar unisono: „Schließlich geht es hier um das Leben und die Entwicklung von Kindern, die es zuvor ohnehin nicht leicht hatten. Was sie brauchen ist Halt und Zuverlässigkeit. Mit so einer Entscheidung spielt man nicht. Die Härte, Intensität und Dauer des Jobs sollten einem bewusst sein. Doch dann kann man so unendlich viel mehr zurückbekommen. Durch die Blicke strahlender und warmer Kinderaugen, die voller Zuversicht und Vertrauen sind oder durch das Wissen, etwas Gutes im Leben für andere bewirkt zu haben.“ Und auch in Bezug auf das Albert-Schweitzer-Kinderdorf und sein Wirken sind Alena Wollenweber und Heiko Stichert sehr zufrieden. „Ich bin der Papa für Linda und Naomi. Auch, wenn ich rein funktional gesehen als Ehrenamtlicher die Erziehungsstelle unterstütze. Ich habe dennoch immer das Gefühl, von Einrichtungsleiter Harald Kremser und unserem Erziehungsleiter Michael Tietze ernst genommen und wertgeschätzt zu werden“ freut sich Heiko Stichert, der in seinem Hauptjob Fahrschullehrer ist.