Gewalt an Kindern führt nicht selten zur Traumatisierung

Paula ging es als Kind gar nicht gut! Ihre Eltern konnten sie nicht ausreichend um sie kümmern. Zur notwendigen Versorgung eines Kindes zählt vieles. Nicht nur die Nahrungsversorgung ist hier ein Thema, sondern auch die emotionale Ebene. Zudem benötigen Kinder Schutz. Weil ihre Eltern ihr dies alles nicht zu genüge geben konnten, lebt Paula nun in einer Pflegefamilie. Aber sie sieht ihre Eltern regelmäßig bei Besuchen. Danach jedoch bekommt sie oft ein komisches Gefühl. Ein so genanntes Traumamärchen soll Paula nun helfen, das alles zu verarbeiten. Ein Traumamärchen versucht, Kindern wie Paula durch eine Geschichte ein Gefühl von Zuversicht zu vermitteln…

Aus der täglichen Arbeit mit Familien und Pflegekindern

Das Zusammenleben mit Kindern, die in ihrer Kindheit Gewalt und Bedrohung ausgesetzt waren, ist eine schwierige und hochanspruchsvolle Aufgabe. Pflegeeltern, Kinderdorfeltern und ErzieherInnen erleben in Ihrem Alltag Verhaltensweisen von Kindern, die Ihnen unverständlich und fremd vorkommen. Sie werden vor Herausforderungen gestellt, die sie verunsichern, die sie hilflos und ohnmächtig machen können - weil sie so schwer zu verstehen sind und weil sie sich persönlich und emotional angetriggert fühlen.

Der pädagogische Umgang mit Re-Inszenierungen von traumatischen Situationen erfordert eine Veränderung eigener Blickwinkel und Handlungsstrategien bei den Erwachsenen. In der Arbeit mit Pflegekindern spielt die Trauma Arbeit eine große Rolle. Kinder, die nicht in ihren eigenen Familien aufwachsen können, haben in ihrer frühen Kindheit nicht selten Erfahrungen machen müssen, die für die kleine Kinderseele kaum zu verarbeiten sind. Ist die häusliche Situation so gefährdend, dass die Jugendhilfe reagieren muss, erleben die Kinder, dass sie sich auf eine völlig neue ‚Welt‘ einlassen müssen. Mit ihrer besonderen Geschichte umgehen zu lernen, ohne an dem eigenen Selbstwert zu zweifeln, ist eine Herausforderung für die kleinen Menschen. Bei der Frage, wie kann diesen Kindern geholfen werden, haben sich Traumaexperten wie Alexander Korittko viele Gedanken gemacht – und sind auf die Idee des Traumamärchens gekommen. Diese Idee hat vor einigen Jahren Einzug in die Arbeit der Fachberatung Pflegestellen genommen.

Das Ziel der Geschichte ist, den besonderen Ereignissen und Erlebnissen eines Kindes eine erzählerische Form und damit einen Sinn zu geben - und genau das passiert in einem Märchen.

Das Kind soll die Ereignisse in die persönliche Lebensgeschichte integrieren können, damit eine unterbrochene Entwicklung wieder in Gang kommen kann. Klingt kompliziert – hier hilft die Praxis. Und deswegen gestatten wir Ihnen einen kleinen Einblick in die Geschichte von Paula.

Ein Traumamärchen für Paula

2020 04 30 Traumamärchen Überschrift

Grafik klein Traumamärchen

 

In ihrem Traumamärchen wird eine kindgerechte Sprache zur Erzählung gewählt. Paulas Geschichte wird durch andere Namen, Orte und der Verwendung von Tieren als Hauptfiguren statt Menschen, verfremdet. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Schaffen einer angenehmen Atmosphäre während dieser besonderen >>Märchenstunde<<: Das Kind bei Vertrauten  (zum Beispiel der Pflegemutter) auf dem Schoß sitzen zu lassen, ist eine solche Möglichkeit.

Paula liebt ihr Kuscheltier – einen kleinen Fuchs. Nun wird ihr die Geschichte von Fuxy, einem kleinen Fuchswelpen, erzählt:

Fuxy war ein kräftiger und fideler kleiner Welpe … Er hatte leuchtend rotes Fell und viel Spaß am Spielen und Bauen. Er war ein schlauer Welpe und geschickt war er auch – ein richtiger kleiner Überlebenskünstler. Füchse sorgen sich eigentlich rührend um ihre Kinder… Die Fuchseltern freuten sich riesig auf die Geburt von Fuxy …

Das Märchen benennt hier ‚das Schlimme‘:

… aber Fuxy Eltern waren jung und unerfahren... Mama wusste gar nicht wirklich, wie das geht…Sie konnte sich gar nicht daran erinnern, ob ihr das mal jemand gezeigt hatte… Er hatte Hunger und brauchte doch Wärme…  je mehr die Fuchs-Eltern merkten, dass sie ihrem kleinen Fuxy nicht helfen konnten, desto mehr fingen sie an sich zu zanken und Fuxy bekam noch mehr Angst. Die Mama begann sogar, Fuxy auszuschimpfen, wenn sie nicht weiter wusste – obwohl der kleine Welpe doch gar nichts dafür konnte, dass er hungrig war und Wärme brauchte…

Starkes Verhalten wird an dieser Stelle betont:

Der kleine Fuxy war ganz oft am Weinen und Schreien…Das laute Schreien war etwas sehr, sehr Schlaues, was der Fuxy da gemacht hat!...es machte andere Füchse neugierig…

Erzählt wird weiter, wie die neugierigen Füchse Ideen sammeln, um zu helfen und wie Fuxy in einem anderen Fuchsbau aufgenommen wird:

Der älteste und schlaueste der Gruppe traf eine Entscheidung: „Fuxy braucht ein neues Zuhause! Seine Eltern sind lieb und nett, aber sie schaffen es nicht, den Kleinen zu versorgen. Ich kenne eine ganz liebe Fuchs-Familie… Fuxy war am Anfang auch ganz schön verwirrt, als er plötzlich in einem fremden Bau aufwachte. Die Erde roch ganz anders – und auch die neue Mama. Sie war lieb und sie wärmte ihn und Hunger hatte er auch nicht mehr – aber trotzdem war ihm nicht immer wohl… Er wusste auch nicht so richtig, ob die neue Familie ihn überhaupt richtig mögen würde

Schuldgefühle werden angesprochen – denn:  Kindern, denen es so schlecht ging und geht, haben manchmal richtig gruselige Gedanken. Sie denken manchmal: `Ich bin schuld`.   oder 'Was ich erlebe ist normal'. oder 'Ich muss meinen Eltern helfen'…

So etwas kann leider den tollsten, und stärksten Fuchs-Welpen passieren - dass sie nicht bei ihren Eltern leben können…

In Paulas Fall haben sich Menschen gekümmert. Paula ist in eine Pflegefamilie gekommen; starke Pflegeeltern, geduldige Pflegeeltern;  Pflegeeltern, die verstehen. Aus anfänglichem Misstrauen des Kindes entstehen immer mehr schöne Gefühle und Erlebnisse…

Er könne mit den anderen Welpen nach Herzenslust spielen und tollen und ruhig auch mal ärgerlich sein. Sogar schimpfen und wütend sein dürfe er in der Familie – weil die Eltern stark genug sind, das auszuhalten. Die Fuchs-Eltern würden ihm schon helfen und hätten viel Geduld mit kleinen Welpen…

Und wieder werden Stärken betont:

Das Beste an der Geschichte ist etwas, was der kleine Fuxy noch gar nicht so richtig wusste: Dass er ein wirklich starker Welpe ist. Ein so kräftiger, quirliger Kerl, der so viel Ungewöhnliches und auch Trauriges erlebt hat und es trotzdem immer wieder schafft, mit guter Laune durch die Gegend zu toben….

Das können nicht viele Fuchs-Welpen!

Oft fragt Paula ihre Pflegeeltern nach dem ‚Traumamärchen‘, lässt sich immer wieder die Geschichte vom kleinen Fuxy  vorlesen und hält dabei ihr Kuscheltier im Arm. Beim letzten Besuch von Paulas Mutter traute das 5 jährige Mädchen sich zum ersten Mal seine Mutter zu fragen: ‚Haben wir eigentlich mal zusammengewohnt? Wieso ist das jetzt nicht mehr so?‘

Und die Mutter sagte:‘ Ja, das haben wir! Und den Rest erzähle ich dir, wenn du 10 Jahre alt bist!“

Paula hat immer noch Angst, Gedanken an früher - aber die Angst wird kleiner…

Das Schlimme ist vorbei! Jetzt ist das Kind sicher!

Bernd Kasper

Fachberatung Pflegestellen