"Das Rad des Lebens"

 
Selvije Izlamaj aus dem Jugendwohnen schrieb ihre eigene biografische Kurzgeschichte und erschien mit dieser zusammen mit vielen anderen Beiträgen in dem Buch >>Es hört sich an wie eine Melodie<< des Geest Verlags. Ihre eigene Geschichte "Das Rad des Lebens" stellt sie hier zur Verfügung. Das komplette Buch kann im Bücherwurm Uslar sowie über den Geest-Verlag direkt erworben werden:
 
Das Rad des Lebens
 

Es war das Jahr 1987: Eine junge Frau war erst 15 Jahre alt und sie bemerkte irgendwann, dass sie schwanger war und hatte beschlossen, es keinem bis zur Geburt zu sagen. Noch eine Woche, dann sollte das Baby kommen  und als der Tag der Geburt war, ging das junge Mädchen zu ihren Eltern und offenbarte sich, dass sie ein Baby bekomme. Und dann kam das Baby, es war ein süßes kleines Mädchen. Die Eltern von der jungen Mutter entschieden, das Baby in ihre Obhut zu nehmen, da sie erst 15 Jahre alt war. Sie nahmen das Baby und gaben ihr den Namen Selvije und zogen das kleine Mädchen zusätzlich zu ihren anderen 10 Kindern auf. Und plötzlich hatte Selvije noch 10 Geschwister und unter diesen Geschwistern war auch die leibliche Mutter. Selvije war die kleinste in der Familie. Selvije wuchs auf und war ein glückliches, kleines Kind. Ihre ‚Mutter‘ und ihr ‚Vater‘ waren echt gute Eltern und sie war so froh, dass sie eine große Familie hatte. Selvije freute sich, dass sie immer jemanden zum Spielen hatte. So wurde Selvije schließlich 10 Jahre alt, als ihr ‚Vater‘ plötzlich ins Krankenhaus musste. Sie konnte ihn nur einmal besuchen, aber sie wollte ihn öfter sehen. Sie hörte immer das Gleiche, wenn sie fragte, ob sie mit zu ‚Papa‘ dürfte: „Nein, nein, du bist noch zu klein“, und das sagte man ihr immer und immer wieder.

Eines Tages spielte Selvije und die Familie unterhielt sich untereinander, als das Telefon klingelte. Am anderen Ende des Telefons war ein Arzt vom Krankenhaus. Der Arzt sprach mit dem ältesten ‚Bruder‘ Selvijes. Als er auflegte, nahm er seine Mutter beiseite und sagte: „Wir müssen ins Krankenhaus“. Sie fragte: „Warum“? und er sagte, das unterwegs zu besprechen. Und so fuhren sie los und kamen erst spät abends wieder. Selvije war schon am Schlafen, aber wachte wieder auf und sah sie alle weinen. Aber Selvije verstand nicht warum und wurde von der ‚Mutter‘ wieder ins Bett gebracht und sie schlief schnell wieder ein. Am nächsten Tag fuhren alle zur Großtante und da erst erfuhr Selvije, dass der ‚Vater‘ gestorben war aber verstand das alles nicht. Erst nach und nach merkte sie, dass ‚Papa‘ nicht da war und auch nicht wiederkommen würde. Und dann erst hatte sie verstanden, was ihr ‚Mama‘ bei der Großtante erklärt hatte.

Und Selvije sah ihren Vater nicht mehr, auch bei der Beerdigung konnte sie nicht dabei sein, weil die ‚Mutter‘ sagte, sie wäre zu klein und so hatte Selvije keine Gelegenheit sich zu verabschieden.

Drei Jahre später war Selvije dreizehn Jahre alt und da nahm die ‚Mutter‘ Selvije zur Seite und sprach mit ihr. Sie sagte, dass sie sich nicht länger um Selvije kümmern kann, sie wäre zu alt und sagte, dass sie zu ihrer leiblichen Mutter muss. Selvije sagte: „Da bin ich doch, du bist meine Mutter.“ Die sagte: „Nein, ich bin nicht deine Mutter, Sefki ist deine Mutter und du bist jetzt groß, also wirst du bei Sefki leben“ und so zog Selvije zu ihrer leiblichen Mutter, die sie für ihre Schwester gehalten hatte.  Selvije merkte, dass es ihr bei ihrer leiblichen Mutter nicht gut ging, sie vermisste ihre ‚Mutter‘, die aber ihre Oma war.

 
Die aber konnte nicht alles wieder rückgängig machen.
Weil es Selvije bei ihrer Mutter nicht gut ging, hatte sie sich entschlossen, von ihr weg zu gehen, aber zu ihrer Oma konnte sie nicht. Selvije ging dann am nächsten Tag in  die Schule und erzählte ihrer Lehrerin alles, dass es ihr zu Hause nicht gut geht und dann rief die Lehrerin das Jugendamt an und Selvije ging mit der Frau vom Jugendamt in eine Pflegefamilie mit, da ging es ihr wieder gut, aber sie dachte oft an ihre Oma und wusste, dass sie leider keinen Kontakt haben konnte. Auch zu ihrer Mutter hatte sie ungefähr ein paar Jahre keinen Kontakt. Nach einer Weile fing Selvije an, wieder Kontakt zu ihrer Familie zu haben und sah so auch ihre Oma wieder. Selvije war so voller Freude, sie wieder zu sehen und mit ihr zu reden.

 
Als Selvije 20 Jahre alt war, zog sie bei ihrer Pflegefamilie aus und im Jugendwohnen in Uslar ein. Vor dem Umzug machte sie sich Gedanken darüber, ob sie es schaffen würde, alleine zu wohnen und hatte auch ein bisschen Angst davor. Dann war es soweit, Selvije zog um und mit der Zeit kam Selvije damit sehr gut klar. Sie lernte viele neue Leute kennen. Die waren nett und dann lernte Selvije die Chefin vom Jugendwohnen kennen. Ihr Name ist Sabine. Sie wurde die Bezugsbetreuerin von ihr und Selvije fing an, Sabine zu vertrauen. Mit der Zeit gewöhnte sie sich an die neue Umgebung, an das neue Leben. Sie fand ihre Wohnung gut und bekam es gut hin, alleine zu wohnen.

 
Es ging alles seinen Gang, bis zu dem Tag, an dem Selvije Schmerzen in den Beinen bekam. Und sie berichtete Sabine von den Schmerzen und Sabine machte einen Termin beim Spezialisten. Ein paar Wochen darauf ging Sabine mit Selvije zum Arzt und der untersuchte sie und sagte, dass sie an einer Muskelschwäche leide und ab da stand Selvijes Leben auf dem Kopf. Sie dachte oft darüber nach, was der Arzt zu ihr sagte. Die Krankheit kann man nicht heilen und nicht aufhalten, dass die Krankheit erst am Anfang ist und es schlimmer werden kann und sie unbedingt Therapien machen sollte, dass würde ein wenig helfen.
Selvije wollte sich nicht entmutigen lassen von ihrer Krankheit und so lernte sie einen Mann kennen, der wohnte auch im Jugendwohnen. Selvije verliebte sich auf Anhieb in ihn und sie fingen an, sich zu daten. Der junge Mann heißt Matthias und die zwei merkten schnell, dass sie zusammen passen. Von da an waren Selvije und Matthias zusammen.
Die Krankheit aber wurde mit der Zeit immer schlimmer, Selvije konnte nicht mehr tanzen gehen, aber sie liebte das Tanzen. Auch in die Stadt konnte sie nicht mehr gehen. Sie ging zu Therapiestunden, aber die halfen nur wenig.
Selvije führte trotzdem ein gutes Leben und zwar mit ihrem Freund zusammen.

 
Als sie alles gut verkraftet hatte, bahnte sich das nächste Problem an, aber Selvije ahnte nichts davon, bis ihre Tanten ihr sagten, dass die Oma krank wäre. Sie fing an, sich Sorgen zu machen.


Als sie eines Tages morgens wach wurde, sah sie auf ihrem Handy, dass sie Nachrichten verpasst hatte und dann klingelte auch schon das Telefon. Am anderen Ende waren ihre Tanten und sagten Selvije, dass die Oma über Nacht gestorben war. Selvije war so überfordert mit ihren Gefühlen und wollte nicht allein sein. Also rief sie die Betreuerin an. Sie kam auch sehr schnell und war für Selvije da und nahm sie in den Arm. Und Selvije brach in Tränen aus. Uschi saß lange bei ihr und sie redeten viel über die Oma und was diese so geliebt hatte. Uschi fing an für die Oma ein Gebet zu sprechen und es tat Selvije gut, dass Uschi das tat.


Mit der Zeit bekam Selvije Schlafstörungen und so ging es tagelang. Sie hatte Angst einzuschlafen und am nächsten Morgen nicht wieder wach zu werden.

Eine Freundin hatte Selvije irgendwann einmal erzählt, dass die guten Menschen gehen müssen, damit andere gute Menschen auf die Erde kommen können. Und so war es auch, kurz nach dem Tod der Oma bekam eine Tante von Selvije ein Kind, ein süßes kleines Mädchen. Bevor die Oma starb hatte sie dem noch nicht geborenen Mädchen von Selvijes Tante einen Namen gegeben, die kleine sollte Mervet heißen.

 
Selvije wäre gern bei der Beerdigung der Oma dabei gewesen, aber die Oma wurde – wie der Opa – im Kosovo beerdigt. Sie konnte nicht dabei sein, diesmal war sie nicht zu klein wie bei dem Opa, diesmal war das Problem die Entfernung und dazu noch ihre Krankheit, die leider sehr viel Platz in ihrem Leben einnahm.


Und als Selvije dachte, es würde nichts mehr passieren, verstarb ihr Onkel nur zwei Monate nach dem Tod der Oma. Er war nicht alt, erst 44 Jahre und hatte vier Kinder. Und Selvijes Schlafangst kam wieder zurück. Sie war wieder traurig und enttäuscht vom Leben, aber bei allem Übel, was sie durchmachte hatte sie ihren Freund zur Seite, der ihr eine große Hilfe war.

Eine Erleichterung war für sie auch, dass sie jeden Morgen zur Arbeit gehen konnte. In den Harz – Weser – Werkstätten war sie Werkstatträtin und es machte ihr Spaß, sich für andere einzusetzen.

Selvije ist heute eine junge Frau und sie hat viel erlebt, Gutes und Trauriges. Und trotz allem was ihr passiert ist liebt sie ihr Leben.

- Selvije Izlamay -